Hallo ihr Lieben,
lange haben wir schon wieder nichts mehr von uns hören lassen und wir haben das Gefühl, die Zeit vergeht wie im Fluge. Schon ist wieder Mitte August (wo sind der Mai, Juni und Juli hin?!?!) und natürlich haben wir wieder viele viele Kilometer zurück gelegt. Heute waren wir in Coral Bay in Western Australia und haben beschlossen, dieses Kaff in Expensive Bay umzubenennen. Die Preise im dortigen Supermarkt waren so extrem überteuert, dass wir uns aus Protest mit Daisy gleich wieder auf die Socken gemacht haben, um den Supermarkt zu boykottieren.
Seit Darwin sind wir schon wieder gute 3000km gefahren und häufig kann man hier auch nicht viel anderes machen als fahren. Ehrlich gesagt macht dies aber auch den Reiz des Landes aus, die enormen Distanzen zu „erfahren“ und zu erschwitzen ;o) Heiss war es die letzten Wochen zu genüge, die Sonne hat erbarmungslos runtergebrannt und wir haben uns Regen gewünscht. Den haben wir dann endlich vorgestern bekommen. Morgens um 6 Uhr wurden wir von einem sanften Regengetrommel auf unser Autodach geweckt und den restlichen Tag von einem gigantischen Spiel aus Wolken und Sonnenschein über endlosen Weiten belohnt. Zwischendrin haben wir ein bisschen in den türkisesten Wassern die wir je gesehen haben geschnorchelt. Da waren wir nämlich am westaustralischen Pendant zum Great Barrier Reef, dem Ningaloo Reef. Dieses beginnt auf der Cape Range Peninsula (Halbinsel) bei Exmouth und zieht sich 270km nach Süden Richtung Perth.
An diesem besagten Regentag, dem ersten seit ca. 7 Wochen, haben wir eine sehr inspiriererende Erfahrung gemacht. In der Warteschlange am Eingang des Cape Range Nationalparks steht vor uns ein sehr, sehr alter Oldtimer mit argentinischem Kennzeichen. Staunend sitzen wir im Auto und überlegen wohl, was das für Leute sind, die mit einem solchen Auto von Argentinien bis Alaska fahren und nun auch noch Australien und Asien bereisen, als ein schlaksiger Mann und ein kleiner Junge aussteigen. Kurz darauf hält dieser Mann ein kleines Etwas im Arm und Muriel mutmaßt erstmal, dass das wohl eine Puppe sein muss. Dem war jedoch nicht so und wir sind schwer beeindruckt, dass es Menschen gibt, die eine solche Reise mit einem Säugling und einem ca. vier jährigen Jungen wagen. Kurz darauf im Visitor Center wird das Staunen noch größer. Plötzlich ist da noch ein etwas älterer Junge, der wohl auch zu der Familie gehört. Ja und dann sitzt da noch ein kleines Mädchen in der Kinderspielecke, das zu keinem zu gehören scheint. Ja und hier wandelt sich das Staunen in Fassungslosigkeit. Kann es denn sein, dass diese beiden Argentinier tatsächlich mit einem so alten Auto, es ist 81 Jahre alt, wie sich später heraus stellt, und vier kleinen Kindern (im Alter von 5 Monaten bis 7 Jahren) um die Welt reisen???!!
Lustigerweise war diese Familie dann auf dem gleichen Campingplatz wie wir und wir hatten die Gelegenheit, uns ausgiebig mit ihnen zu unterhalten. Diese beiden Abenteurer haben irgendwann vor ein paar Jahren beschlossen, ihren Traum wahrwerden zu lassen, haben das alte Auto gekauft und sind losgetuckert. Sie sind seit nunmehr 9 Jahren auf der Reise, jedes ihrer vier Kinder wurde währende der Reise in einem anderen Land geboren und sie wollen auch noch eine ganze Weile so weiter machen. Für uns war diese Familie eine große Inspiration und hat uns die Antwort auf eine Frage gegeben, die wir uns beide schon seit einiger Zeit stellen. Ist es möglich, mit Kindern große Reisen zu unternehmen und längere Zeit unterwegs zu sein oder ist man als Eltern gezwungen, sesshaft zu werden? Diese Familie hat uns aufgezeigt, dass es sehr wohl geht, auch mit Kindern seinen Traum vom Reisen zu erfüllen und man auf sein Herz hören muss, anstatt sich irgendwelchen Konventionen zu unterwerfen. Herman hat es so schön auf den Punkt gebracht: „Möchtest du lieber 4 Kugeln Eis, die zwar gut, aber nicht dein Lieblingseis sind, oder lieber eine Kugel deines Lieblingseises und dafür weniger?“
Wer sich für die Reise der Sechs interessiert, schaut am besten einfach mal auf ihre Homepage www.sparkyourdream.net oder liest ihr Buch. Für uns persönlich waren sie eine große Bereicherung und Inspiration.
Ansonsten möchte Tobi an dieser Stelle einbringen, dass Fliegen absolut unnötige Kreaturen sind und abgeschafft gehören und dass unsere Daisy die Allerbeste ist.
Die nächsten zwei Wochen werden wir gemütlich die letzten 1000km bis Perth fahren (wenn wir das schaffen, sind jetzt so daran gewöhnt, täglich 600km zu fahren, dass wir wahrscheinlich viel eher in Perth sind) und dann hoffentlich so schnell wie möglich einen neuen Besitzer für Daisy finden. Frühmorgens am 5. September fliegen wir dann nach Sydney und treffen da unsere Freundin Sarah und werden entspannt in 4 Wochen 2000km über Melbourne nach Adelaide fahren. Das wird eine echt Herausforderung so langsam zu sein ;o)
Auch werden sich einige sicherlich noch immer wundern, warum wir doch schon früher nach Hause kommen, wo wir hier soviel erleben und es uns wirklich gut geht.
Gerne möchte ich versuchen, dass nochmals in Worte zu fassen.
Wenn man soviel Zeit hat wie wir, und davon so viel Zeit mit Autofahren verbringt, hat der Geist unendlich viel Zeit, in die Weite zu schweifen und nachzudenken. Genau das war auch beabsichtigt, haben wir beide eine Auszeit gebraucht, um über unsere Leben nachzudenken, darüber was wir die nächsten Jahre gerne verwirklichen möchten, wo es bei Muriel im Studium hingehen soll, in welchem Bereich sich Tobi nach unserer Rückkehr entfalten möchte, wie es um unsere Beziehung und unser Zusammenleben steht, was die Familienplanung besagt usw. ...
Nach endlosem Nachdenken und vielen Diskussionen haben sich einige Dinge herauskristallisiert, die wir nun natürlich gerne auch bald in die Tat umsetzen möchten. Tobi hat seine Berufsphilosohie (für den Moment) gefunden und möchte in diesem Bereich seinen Doktor schreiben, bei Muriel haben sich Ideen für die Magisterarbeit herausgebildet usw. usf. Hauptsächlich hat die Reise jedoch dazu beigetragen, sehr viel über unsere Beziehung zu lernen. Zu wissen, dass wir es auch miteinander aushalten, wenn wir monatelang 24 Stunden am Tag aufeinander sitzen, dass wir uns streiten und auch wieder vertragen, dass wir als Team sehr gut zusammenspielen und am wichtigsten, dass wir eine gemeinsame Zukunft bestreiten wollen.
Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite besagt, dass es wunderschön ist, mit einem Bus durch Australien zu reisen, aber auch sehr anstrengend. Dauernd muss man Entscheidungen treffen, wo man nachts schläft, wohin man fährt, wo man tankt, wo man einkauft usw. Das hört sich nach Kleinigkeiten an, bestimmt aber unseren Alltag und so frei wie man sich denkt, ist man eben doch nicht. Gerade hier in Western Australia sind wir ohne einen Allradantrieb an die geteerten Straßen gebunden und können viele interessante Dinge nicht anschauen. An vielen Stellen darf man nicht im Auto schlafen und so müssen wir uns Nischen suchen, wo wir nicht entdeckt werden oder weiterfahren. Und wenn nur alle 300km eine Tankstelle oder ein Laden kommen, muss man auch hier sehr sorgfältig planen, um am Ende nicht ohne Diesel oder Essen dazustehen.
Eine weitere Sache, die uns nicht bewusst war, ist die kulturelle Eintönigkeit Australiens. Zwar gibt es hier Einwanderer aus über 50 verschiedenen Ländern, aber irgendwie ist doch alles zu einer großen australischen Kultur verschmolzen, die sehr viel aus Angeln, Vietnam-Veteranen und Zweiter Weltkrieg Denkmälern besteht. Natürlich auch noch aus jeder Menge mehr, aber im Endeffekt ist die australische Kultur der unseren doch so ähnlich, dass es nur wenig Neues zu entdecken gibt und es uns irgendwie fehlt, wie beispielsweise in Asien dauernd auf Neues, uns Ungewohntes zu stoßen, dazu gezwungen zu werden neue Lebensformen kennenzulernen und unsere Eigene zu überdenken, ja man hier einfach in einem gewohnten Denken bleiben kann, ohne mit anderem konfrontiert zu werden. Die Natur hier ist zwar wunderschön, aber sie alleine reicht nicht, um uns das Gefühl zu geben, Neues zu entdecken und Neues zu lernen, uns mit ungewohnten Dingen auseinander setzen zu müssen, uns daran zu stoßen und zu reiben und umzudenken. Genau diese Erfahrung fehlt uns hier und so ist in uns das Gefühl herangereift, dass Australien seine Schuldigkeit für uns getan hat, wir hier sehr viel erlebt und gesehen haben, aber es auch nicht mehr Mehr zu bieten hat. Wir könnten natürlich noch länger bleiben und würden sicherlich auch noch anderes sehen und erleben, gerade die Kultur der Aborigines hätte noch viel zu bieten, aber es ist sehr schwer dort hinein einen Einblick zu bekommen, und so haben wir für uns beschlossen, dass wir genug gesehen und erlebt haben und dies lieber in guter Erinnerung behalten und uns neuen Abenteuern widmen möchten. Das wir früher heimkommen heisst beileibe nicht, dass wir vom Reisen genug haben, sondern viel mehr, dass es noch so viel zu sehen gibt, dass wir uns das restliche halbe Jahr lieber für wann anders aufheben ;o) Es ist also damit zu rechnen, dass wir nach Muriels abgeschlossenem Studium und Tobis hoffentlich geschriebener Doktorarbeit wieder zu neuen Abenteuern aufbrechen werden. Momentan möchten wir beide gerne die vielen unterschiedlichen Kulturen Europas kennenlernen, Städte sehen die Baukunst und Geschichte haben, einfach mehr lebendiges Leben und Kultur kennenlernen. Ein weiterer, wenn auch nicht ganz ungefährlicher Traum ist Afrika und eine Einladung nach Argentinien haben wir auch schon ;o)
Jetzt habt ihr einen kleinen, wenn auch nicht ganz kurzen Einblick in unser Seelenleben bekommen und könnt uns hoffentlich verstehen. Wenn nicht ist es auch egal, man muss ja nicht jedes Hirngespinnst verstehen ;o)
Ganz viele liebe Grüße aus dem weiten Western Australia
und wir freuen uns schon sehr auf euch und auf gutes Weißbier, Brezln, Leberkäse und bayrische Kultur (Jawoll, die kann einem nämlich ganz schön abgehen ;o) )
Muriel und Tobi